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"Narben der Katastrophe sind weitgehend verheilt"
Am 24. September sind es 15 Jahre her, dass die die Unwetterkatastrophe die Briger Innenstadt zerstört und zwei Menschen in den Tod gerissen hat.
Die Tafeln, die an einzelnen Haus­ecken der Briger Innenstadt befestigt sind, lassen die Passanten noch heute erahnen, was sich an jenem 24. September 1993 in der Simplonstadt abgespielt hat: Nach anhaltendem Dauerregen schwellt die Saltina zu einem reissenden Bergbach an. Erste Sofortmassnahmen werden bereits anfangs Nachmittag eingeleitet. Trotzdem lässt sich das Schlimmste nicht verhindern. Die Wassermassen sind nicht mehr zu bändigen. Mit grosser Gewalt fliessen Wasser, Geschiebe, Sand und Treibholz nach Glis und über den Saltinastutz in die Innenstadt. Menschen rennen ins nächste Treppenhaus, bringen sich in Sicherheit. Autos werden wie Zündholzschachteln durch die Gassen und Strassen gespült. Die folgende Nacht wird für viele zur Geduldsprobe. Bei Kerzenlicht lauscht man dem Lokalsender rro, während draussen die Helikopter über der dunklen Stadt kreisen und Baggerführer unter Einsatz ihres Lebens versuchen, die Saltina zu bändigen. Zwei Fragen liegen in jener Nacht über der Stadt: Wie viele Menschen haben wohl ihr Leben verloren? Wie wird Brig-Glis wohl morgen aussehen?
Am Tag danach fliessen die Wassermassen allmählich ab. Zurück bleiben meterhohe Schlammmassen, Trauer und Betroffenheit. Spätestens jetzt wird klar: Zwei Verkäuferinnen in einem Briger Schuhgeschäft können nur noch tot geborgen werden.

Eine Milliarde Schaden
Noch heute blickt der damaiige Stadtpräsident Rolf Escher mit ei­nem beklemmenden Gefühl zurück: «Das Städtchen hatte zwei Menschenleben zu beklagen, einen Sachschaden von rund einer Milliarde Franken. Das Herz des Oberwalliser Dienstleistungszentrums war zerstört.» Was die Bewohner und Geschäftsleute in den folgenden Monaten erleben mussten, war hart. Die schwierigen, wochenlangen Aufräumarbeiten, der Lärm der Baumaschinen und der ständige Geruch des Schlamms prägten das Leben in der Innenstadt, die selbst Anwohner nur mit Passierschein betreten durften. Die enorme Solidarität aus dem ganzen Oberwallis und der Schweiz verliehen Mut. Die Verunsicherung liess allmählich nach, Woche um Woche wuchs der Glaube an den Neuanfang. «Ich bin noch heute dankbar und stolz, wie der Krisenstab, die Gemeinde und die Bevölkerung das Ganze ertragen haben und mit welcher Geduld und welchem Einsatz jeder am Wiederaufbau geholfen hat», gesteht Rolf Escher. Und selbstkritisch fügt er hinzu: «Vielleicht war ich damals gelegentlich auch etwas zu hart. Aber nur so konnte der Wiederaufbau vorangetrieben werden.» Der Einsatz hatte sich gelohnt. Zum ersten Jahrestag wurde mit dem Fest «Viva Brig» dokumentiert, dass allmählich wieder Leben ins Städtchen einkehrt. Und am Gedenkgottesdienst entschuldigte sich ein sichtlich gerührter Stadtpräsident bei all jenen, die er bei der Anwendung des Notrechts vielleicht zu forsch angegangen sei.

Eine neue Stadt
In den folgenden Monaten und Jahren war Brig-Glis eine Grossbaustelle. Entlang der Saltina wurden Schutzmassnahmen getroffen und mit der neuen Hebebrücke eine wegweisende Lösung gefunden. In Brig selber entstand eine neue Innenstadt. Die alten Beizen wurden durch neue Restaurants ersetzt. Die vielen Geschäfte erhielten einen modernen Innenausbau. Und die Innenstadt wurde verkehrsfrei. Die Verkehrsführung und insbesonders die Gestaltung hat nicht alle begeistert. Rolf Escher ist noch heute überzeugt, dass der Stadtrat damals richtig entschieden hat. «Die Bahnhofstrasse sieht wirklich toll aus. Auf den angrenzenden zwei bis drei Plätzen auf eine Möblierung zu verzichten, hat sich bewährt. Erst diese Kargheit gibt der Innenstadt eine gewisse Grosszügigkeit und Italianità.»

Nie vergessen
Längst sind die Baustellen verschwunden. Viele mögen sich an das Brig von einst kaum mehr erinnern. Dennoch ist im Unterbewusstsein einiges haften geblieben. «Die Narben sind weitgehend verheilt», glaubt Rolf Escher. «Aber wenn es stark und anhaltend regnet, gehen doch noch viele Leute mit einem mulmigen Gefühl zur Saltinabrücke. Vielleicht tun wir auch gut daran, ab und zu an diese Katastrophe zu denken», stellt der frühere Stadtpräsident fest und fügt selbstkritisch hinzu: «Wir haben allzu lange vergessen, dass Brig 1920/21 zwei ähnlich schlimme Unwetter erleben musste.»
German Escher

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